Der Mobile Access-Blog

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Hände mit kleinem Schlüssel-Tattoo vor weißem Hintergrund,

Geht Zutrittskontrolle künftig unter die Haut?

In den letzten Jahren haben rasante technologische Entwicklungen und die sich wandelnde Arbeitslandschaft dazu geführt, dass sich die Sicherheits- und Zutrittskontrollbranche erheblich verändert hat. Darüber wollten wir mit Lee Odess, CEO und Gründer von Inside Access Control und Group337, sprechen. Wie sieht die Zukunft der Zutrittskontrolle aus und welche Rolle spielt menschliches Microchipping dabei? Diese und mehr Fragen werden im Interview beantwortet.

1. Wie hat sich die Zutrittskontrollbranche Ihrer Meinung nach verändert, seitdem Sie in dem Sektor arbeiten?

Kurz gesagt, enorm. Meiner Meinung nach ist die größte Änderung die Beschleunigung von Phasenänderungen, die seit einiger Zeit diskutiert werden. Zum Beispiel haben cloud-basierte Architekturen, das Thema “Mobile First” und dynamische User-Interfaces für bestimmte Branchen eine weitaus größere Akzeptanz gefunden als zu Beginn meiner Tätigkeit in der Branche.

2. SaaS (Software as a Service) oder wie es oft als „Cloud“ bezeichnet wird, hatte einen enormen Einfluss auf die Zutrittskontrolle und bedeutete einen Paradigmenwechsel. Heutzutage konzentrieren sich Unternehmen darauf, Dienstleistungen anzubieten, anstatt nur Hardware zu verkaufen. Wie können sie von cloud-basierten Zugangskontrollsystemen profitieren?

Das hängt wirklich davon an, über welchen Stakeholder wir sprechen. Für Hardware-Hersteller sind cloud-basierte Angebote eine großartige Möglichkeit, Softwareverkäufe als zusätzliche Einnahmequelle zu nutzen. Für Integratoren ist es eine hervorragende Möglichkeit, weitere Services in ihr Angebot einzubauen und wiederkehrende Einnahmen zu schaffen. Für Endnutzer ist es praktisch, da sie ihr Zutrittskontrollsystem einfach erweitern und verwalten können. Es ermöglicht grundsätzlich eine einfachere Integration in Systeme von Drittanbietern abseits der Zugangskontrolle, was ihnen wiederum einen Mehrwert bietet, der über das Ver- und Entriegeln von Türen hinausgeht.

3. Wir nutzen bereits Smartphones oder biometrische Daten, um Türen anstelle herkömmlicher Schlüsselkarten zu öffnen. Was ist die nächste große Phase der physischen Zugangskontrolle? Wird die Zugangskontrolle wirklich unter unsere Haut gehen (menschliches Mikrochipping)?

Gute Frage. Ich glaube, dass die nächste Phase eher früher als später passieren wird. 

Erstens werden wir über Hybridsysteme im Vergleich zu Cloud- oder Client-Server-basierten Systemen sprechen. Unsere Branche ist in der Regel später auf breitere Technologietrends ausgerichtet, weshalb wir uns derzeit auf die Cloud konzentrieren. Ich denke, dass es bald einen Wechsel zu Hybridlösungen geben wird. Daten werden größtenteils lokal gespeichert, während nur bei Bedarf in die Cloud gewechselt wird. Edge-Devices wie Lesegeräte, Controller, Schlösser und mobile Geräte werden von Tag zu Tag leistungsfähiger. Kombiniere diese Überlegung mit den Datenschutz- und Sicherheitsbedenken, die Menschen und Unternehmen haben – wenn ihre Daten in die Cloud eines Drittanbieters übertragen werden – und du hast ein großartiges Szenario, in dem Hybrid die richtige Konfiguration sein kann. 

Zweitens denke ich, dass Zutrittskontrolle vielmehr eine Funktion als eine eigenständige Branche sein wird. Seit jeher hatten unsere Systeme eine Aufgabe: Sicherheit. Der Wert von Zutrittskontrolle steigt jedoch exponentiell, wenn sie in andere Systeme wie HR, CRM, Zustellung, Tenant Experience und jetzt, im Gesundheitsbereich integriert wird. Endbenutzer suchen nach mehr Wert als nur Sicherheit für ihre Versorgungssysteme wie die Zugangskontrolle.

Was das menschliche Mikrochipping angeht, sind wir meiner Meinung nach weit davon entfernt, die Akzeptanz des Mainstreams zu sehen. Zu Beginn wird dies in Wearables und in Kleidung, Brillen oder Ringen eingebettet werden. Prinzipiell glaube ich, dass “leicht Verdauliches” zuerst umgesetzt werden wird. Vielleicht eine Pille, die du schlucken musst – die aber im Laufe der Zeit vergeht. Menschen mögen keine Nadeln und das Vertrauen ist noch zu gering, um sich einen Mikrochip in die Hand implementieren zu lassen. Na klar wird es Leute geben, die das tun – aber das bleibt wohl eher ein Nischensegment oder ein Marketing-Gag als Mainstream-Realität.

4. Welche anderen Trends werden die Zukunft der Zutrittskontrolle prägen?

Ich glaube, dass sich folgende Trends früher oder später etablieren werden: 

  • Der Händler- und Integratorenkanal wird sich ändern. Aufgrund der Covid-19-Krise ist die Bedeutung des Kanals in der Branche noch größer geworden als zuvor. Sie werden jetzt nicht nur als „wesentlich“ bezeichnet, sondern handeln entsprechend. Ich bin mir noch nicht sicher, was es bedeutet, aber etwas wird sich ändern. Vielleicht werden wir mehr Roll-Outs sehen, Hersteller, die“vertikal” gehen, oder Konsolidierung zu „Superhändlern“ sehen.
  • Gesundheit wird ein Hauptaugenmerk der Sicherheitsbranche. Bis jetzt hat sich unsere Branche noch nicht allzu viel mit dem Thema Gesundheit auseinandergesetzt. Aber jetzt? Wer möchte derzeit einen Türgriff betätigen oder einen Türknauf berühren? Niemand. Wie lautet die Antwort unserer Branche darauf? Man muss sich damit auseinandersetzen, oder jemand Externes wird es für uns tun.
  • Das Besuchermanagement ist die neue Schnittstelle der Zutrittskontrolle. Tatsächlich ist es wie ein trojanisches Pferd, das die traditionellen Zutrittskontrollunternehmen stört. Und es geht über die Besucher hinaus. Besucher, Mitarbeiter und alle Personen, die in oder aus deinem Büro, deiner Lobby, deinem Fitnessstudio oder Restaurant kommen, benötigen Daten, digitale Visualisierung, Benachrichtigung und Situationsbewusstsein. 
  • Ein weiterer großer Trend ist die Notwendigkeit, das Ökosystem und die Partner zu nutzen, um im Wettbewerb zu bestehen und eine Komplettlösung zu liefern. Unternehmen erkennen, dass es unmöglich ist, alles rechtzeitig selbst zu erledigen. Durch Partnerschaften werden sie erkennen, dass 1 + 1 gleich 3 ergeben kann. In den meisten Fällen ist es kein technischer Grund, warum sie nicht zusammenarbeiten, sondern ein emotionaler. Es ist Zeit, darüber hinwegzukommen. Tue das, was du am besten kannst. Beziehe Partner ein, die das tun, was sie am besten können, und zusammen werden die Ergebnisse exponentiell besser. Es passiert die ganze Zeit außerhalb unserer Branche.

    5. Am Ende möchte ich auf Ihre Branchen-Karte der physischen Zugangskontrolle verweisen. Was können große globale Schlosshersteller wie Assa Assa Abloy, HID oder Dormakaba von Technologieunternehmen wie Tapkey und umgekehrt lernen?

    Wie im letzten Punkt schon erwähnt, können alle lernen, wie sie besser zusammenarbeiten und die Expertise von Drittanbietern besser nutzen können. Historisch gesehen versuchen sie entweder, alles selbst zu machen, oder sich das notwendige Können “einzukaufen”. Kontrolle und der Glaube, dass es besser intern gemacht werden soll, stecken dahinter. Ich kann ein gutes Argument dafür vorbringen, dass dies nicht mehr wahr ist.

    Interview mit Lee Odess, CEO und Gründer | Inside Acess Control

    Portrait of Lee Odess

    Lee gründete Inside Access Control, eine Medienplattform mit Schwerpunkt auf der physischen Zugangskontrolle, und Group33, ein Growth Studio, das sich auf die Unternehmensgründung in den Märkten CRETech, Proptech und Smart Home für kleine bis große Unternehmen in den Bereichen Sicherheit, Zugangskontrolle und IOT konzentriert. Zuvor war Lee Vice President für Strategic Partnering bei Allegion PLC und leitete Teams bei UniKey Technologies, Brivo Inc., Lutron Electronics und seinen eigenen Unternehmen Energy + Light + Control und Fresh Confections.